Liebe Lesende,
mit diesem Eintrag möchte ich meiner Verwunderung über die aktuelle Ausschreibung einer W2-Professur am Hamburger Institut für Ethnologie Ausdruck verliehen und versuchen, eine Debatte zu diesem Thema anzustoßen (Ausschreibung angehängt). Da soll mal also in Lateinamerika UND in Afrika südlich der Sahara geforscht haben und noch eine Reihe weiterer Kriterien erfüllen. Eine solch enge Ausschreibung macht einen ausgewogenen, weitgehend objektiven Auswahlprozess doch sehr schwierig, um es vorsichtig zu sagen. Ob die Berufungskommission da wohl mitmacht?
Und dann gibt es da ja auch noch (mindestens) eine Vorgeschichte: Zum 1.10.2010 war eigentlich eine Juniorprofessur (W1) ausgeschrieben, sehr offen übrigens. Das Verfahren ist dann aber erstmal zum Stillstand gekommen, und jetzt gibt es also diese neue Stellenausschreibung …
Die Stellensituation für EthnologInnen ist (mit ganz wenigen Ausnahmen, z.B. Brasilien) sowieso ja schon mal einfach grauenhaft. Viele potentielle BewerberInnen kommen auf ohnehin schon sehr wenige verfügbare Stellen. Wenn dann die Stellenausschreibungen noch so verengt werden, dass nur ein quasi handverlesener Kreis (wenn überhaupt) in Frage kommt, dann schlägt das schon aufs Gemüt, oder?
Würde mich sehr freuen, wenn eine breitere Diskussion zu diesem – und ähnlichen – Verfahren zu Stande käme – es geht um unsere Zukunft!
Mit besten Grüßen aus Halle,
Florian Mühlfried.
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Hier gibt es die offizielle Ausschreibung als Download.
“Wie ist es möglich, daß man nicht derartig, im Namen dieser Prinzipien da, zu solchen Zwecken und mit solchen Verfahren regiert wird – daß man nicht so und nicht dafür und nicht von denen da regiert wird?” So charakterisiert Michel Foucault die parallel zu den sich seit Anbeginn des 15. Jahrhunderts entwickelnden Regierungskünsten entstehende Intervention einer “kritischen Haltung”, die als Gegenstück der Regierungskunst, stets deren Partnerin und Wiedersacherin zugleich war.
Michel Foucaults historisches Interesse richtete sich Ende der siebziger Jahre auf die Frage nach der Möglichkeit einer guten Regierung, die ihrer Bevölkerung ein größtmögliches Maß an Freiheit anbietet. Kritik ist, und soll der Gegenpol und zugleich notwendiger Bezugspunkt einer solchen ‘Gouvernementalen Regierungskunst’ sein. Bevor es hier im Weiteren darum geht aufzuzeigen, worin diese besteht, und wie sie sich entwickelt hat, bleibt festzuhalten, dass auch diese ‘gute Regierung’ ohne Kritik an ihr nicht leben kann. In diesem Sinne schrieb Foucault: “Politik ist nicht mehr und nicht weniger als das, was mit dem Widerstand gegen die Gouvernementalität entsteht, die erste Erhebung, die erste Konfrontation.” weiter lesen…
Die audio-visuelle Anthropologie (gemeint ist wissenschaftliches Arbeiten über und mit Bild und Ton) hat sich innerhalb der Ethnologie zu einer Trenddisziplin entwickelt. Obwohl oder gerade weil sich Blogs, Seminare, Festivals, Sommerschulen und ganze Masterprogramme auf das Thema konzentrieren, ist die audio-visuelle Anthropologie einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt und muss darum ringen als wissenschaftliches Arbeiten anerkannt zu werden. Dabei geht es um die Frage, warum Film und nicht Text. Der audio-visuellen Anthropologie wird Euphorie und Skepsis entgegengebracht, was ihr nur helfen kann bewusster mit Bild und Ton umzugehen. In diesem Sinn habe ich mich gefragt, was gegen das Präsentieren ethnologischer Arbeiten in Form von Audiovisionen spricht. Ich freue mich auf jeden Fall auf Kommentare, Links, Beispiele, Fragen und Kritik unter diesen Blogbeitrag und hoffe, dass er noch wächst.
Ich habe zwei Beispiele vom Berlin Documentary Forum I, um besser verständlich zu machen, um was es mir geht. Weiter unten werde ich dann genereller und trage mehr oder weniger sortiert ein paar Gedanken zum Thema zusammen. weiter lesen…
Nein, die bisherigen Fußballspiele der WM in Südafrika halten bisher noch nicht, was sich die meisten Fans versprochen hatten. Viel zu wenig Tore, unüblich viele Unentschieden, keine Zauberfußball der Superstars. Was ist denn da los? Ein Blick in die Zeitungen und die Berichterstattung der letzen Woche entlarvt einen ‚afrikanischen’ Teilnehmer der WM als Schuldigen.
Die Vuvuzela ist das Ärgernis der meisten Fußballkommentatoren, die es in der ersten Woche nicht lassen konnten die Fernsehzuschauer immer wieder darauf hinzuweisen, wie grausam diese Form des afrikanischen Fangesangs doch ist. Die Begründungen sind freilich ganz verschieden: da gibt es ein paar Nostalgiker, die sich an wunderbaren Fangesänge in europäischen Stadien erinnern, andere fürchten um die Qualität des Spiels, denn die „nervtrötende Dröhnung“ der Vuvuzelas zerstört die Kommunikation unter Spielern, Trainern und wahrscheinlich auch unter den Kommentatoren. Zuweilen glaubte man wohl, dass mit dieser Kritik, wenn sie nur oft genug gesagt würde, ein Verbot der Vuvuzelas in den Stadien zu erzwingen. Deshalb war es wohl auch nur ein logischer Schritt öffentliche Kritiker zu finden. Und tatsächlich Messi findet die Vuvuzelas nicht gut, auch Bierhoff nicht so richtig und die SPIEGEL-ONLINE-Leser sind auch unbedingt dagegen. weiter lesen…
Es geht weiter! Nachdem fast zwei Monate keine Artikel auf wildes-denken.de veröffentlicht worden, wird es nun wieder regelmäßig Beiträge geben. Gleichzeitig suchen wir Gastautoren:
- Glaubst du, dass die Ethnologie mehr Öffentlichkeit braucht?
- Hast du häufig eine etwas andere Meinung zu aktuell diskutierten Themen?
- Bist du davon überzeugt, dass ethnologisches Wissen einen Mehrwert hat, der zugänglicher gemacht werden sollte?
Wenn du eine oder mehrere Fragen mit „Ja“ beantworten kannst, dann solltest du schnellstmöglich hier einen Artikel veröffentlichen. Mitschreiben ist ganz einfach. Email an post@wildes-denken.de senden und persönliches LogIn zum veröffentlichen von Artikeln beantragen.
In Wien gibt es seit mehreren Jahren eine kritische Kampagne gegen das Markenzeichen der Julius Meinl AG. Die Initiative “Mein Julius” hat das Logo der Traditionsfirma in ein Protestzeichen umgewandelt und damit adbusting betrieben:
„Mein Julius hat keine Lust mehr auf ein dienstbotenartig gesenktes Haupt. Er geht, wann er will. Und wohin er will. Wenn er nicht will, bleibt er. Sein Leben ist kein Schicksal, und er nimmt es selbst in die Hand. Wie die Bilder, die in der Öffentlichkeit von ihm existieren. Rassistische Klischees haben im öffentlichen Raum nichts verloren, egal ob es dabei um verhetzende Beschmierungen auf Hauswänden oder um das “traditionsreiche” Logo einer Kolonialwarenhandlung geht.“ (Quelle)

Der Dokumentarfilm Here to Stay – Rassismus in Österreich von Markus Wailand (ORF-Ausstrahlung auf Youtube) beschäftigt sich unter anderem genau mit dieser Kampagne. Ob rassistische Sprüche an einer Wand, nach der Hautfarbe urteilende Türsteher oder plakative Werbebilder – Rassismen liegt oft eine extrem oberflächliche visuelle Verurteilung zu Grunde. ‘Auf den ersten Blick’ wird das Aussehen eines Menschen erfasst, bewertet und beurteilt. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf fiel mir eine Werbetafel in Berlin auf…
Das fliegende Auge
Das Fliegende Auge (1983) Trailer
[Braddock and Murphy have watched Blue Thunder perform a selective firepower demonstration]
Icelan: Well, look at that, all the red dummies are blown to hell.
Frank Murphy: And a few white ones!
Fletcher: One civilian dead for every ten terrorists. That’s an acceptable ratio.
Frank Murphy : [Leaning closer to Braddock] Unless you’re one of the civilians!
Die oben zitierte Passage stammt aus dem Film Blue Thunder, aus dem Jahre 1983 und ist den deutschen Lesern wohl eher unter dem Titel: “Das fliegende Auge” (ein für unser Anliegen bemerkenswert, konsistenter Titel) bekannt. Die Szene aus der dieses Zitat stammt, zeigt einerseits den High-Tech Kampfhubschrauber „Blue Thunder“ wie er fachgerecht einen Schießplatz mit menschlichen Attrappen, mit Hilfe seiner Bordkanone ohne viel Mühe, in tausend Teile dividiert. Dies geht scheinbar ohne große Rücksicht darüber von statten, ob es sich bei den verschieden, farbig markierten Attrappen um imaginäre Opfer oder Täter handelt. Die hochgerüstete Maschine mit ihrer gewaltigen Bewaffnung ist trotz feinster Boardelektronik und Überwachungstechnologie inklusive eines eigens dafür ausgebildeten Piloten, scheinbar nicht dazu gemacht worden, den „feinen Unterschied“ erkennen zu sollen. Die Actionsequenz wird goutiert von einer Personengruppe, scheinbar hochrangiger Vertreter von Militär und Sicherheitsinstitutionen postiert auf einer Zuschauertribüne. Sie scheinen durchaus beeindruckt von der Durchschlagskraft dieser „Wunderwaffe“ und die finale Replik des Protagonisten Frank Murphy (Roy Scheider): „Unless you’re one of the civilians!“, kann eher als sarkastischer Kommentar der indirekten Bewunderung, denn als wirklich ernst gemeinte Kritik an dem Gesehenen gewertet werden. Der Film, ein Mix aus Science Fiction (wissenschaftlicher Fiktion) und Actionthriller mit Roy Scheider in der Hauptrolle, soll genutzt werden als Ausgangspunkt, für eine Replik auf den Beitrag von Friedemann Ebelt „das Leiden anderer betrachten: „Come on, let us shoot!“. Gleichzeitig soll hiermit auch die Fortführung der Kolumne „Bildkonjunkturen – Auf den Schnellstraßen des Ikonischen“ voran getrieben werden. weiter lesen…
http://www.collateralmurder.com/
Amy Goodman im Gespräch mit Julian Assange
Es ist perfide über diese Aufnahmen zu schreiben, weil die Gefahr groß ist, diese grausamen Bilder falsch zu interpretieren, voreilige Urteile zu fällen und pauschale Feindbilder zu erschaffen. Jedes Kommentieren der Bilder ist gewollt oder ungewollt ein Beitrag zu einer medialen Unterhaltung, in der ‘Krieg’ und ‘Mord’ Schlagworte sind, die Erfolg in einer Aufmerksamkeitsökonomie versprechen.
Nichts ist bequemer und moralisch befriedigender, als eine kontroverse politische oder wissenschaftliche Diskussion über dieses Material aus sicherer Entfernung zu führen. Ein Einklinken in das kurzfristige Aufmerksamkeitshoch, das von der politischen Brisanz und menschlichen Grausamkeit der Aufnahmen genährt wird, widerspricht einer kritischen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit Schuld im Krieg. Dennoch müssen Geistes- und Sozialwissenschaften zu dieser Diskussion etwas sagen, weil in ihr die Haltung der Gesellschaft zu Gewalt, Krieg und Militär ausgehandelt wird. Es geht darum zu verhindern, dass Gewalt, egal von wem sie ausgeht, als Konfliktlösung interpretiert und gerechtfertigt wird.
Jovan Maud von Culture Matters lobt den Claude Levi-Strauss Comic als „[the] most excellent tribute to Claude Levi-Strauss“.
Die MacherInnen sind Apostolos Doxiadis, Alecos Papadatos und Annie Di Donna, die in Logicomix Bertrand Russel auf die Suche nach dem logischen Fundamenten der Mathematik schicken. Bemerkenswert: der Mathematik-Grundlagen Comic ist: „The New York Times #1 Bestselling Graphic Novel!“
Im Cartoon gelingt es der Redaktion nicht, nicht strukturalistisch zu denken und wie könnte die geistige Wirkungsmächtigkeit von Strauss besser eingefangen werden, als mit einem Schnappschuss-Portrait eines Redakteurs, der es versucht und daran scheitert? Der Comic endet sinngemäß mit:“intellektueller Fortschritt ist nicht der Stein, der ins Wasser geworfen wird, sondern es sind die Wellen, die er erzeugt“.
Jetzt geht es nicht anders als die Frage aufzuwerfen, ob Comics ein angemessener Weg sind, um ethnologisches Denken aus Bibliotheken zu befreien und Wellen im Alltag schlagen zu lassen?
Am vergangenen Samstag starb im oberpfälzischen Tischenreuth ein zweijähriges Mädchen in der Obhut ihrer allein erziehenden Mutter. Die kleine Lea litt an verschiedenen Krankheiten und hatte wahrscheinlich deshalb die Nahrung verweigert. Ein Arztbesuch hätte sie retten können, ihre Mutter ergriff jedoch nicht die Initiative. Das Mädchen verhungerte. Die 21-jährige Frau wurde festgenommen und ein Verfahren wegen Totschlags durch Unterlassen gegen sie eingeleitet.
Fälle von Kindstötungen und Vernachlässigungen mit Todesfolge traten in der Vergangenheit immer wieder auf. Sie lösen in der Öffentlichkeit emotional stark aufgeladene Diskussionen über die möglichen Gründe und wie sie zu verhindern gewesen wären aus. Dabei geraten vor allem die unterstützenden Hilfesysteme für so genannte „Problemfamilien“ oder „Risikoeltern“ in den Fokus der Kritik. Stimmen werden laut: Warum werden diese Familien nicht mehr kontrolliert? Wer ist schlussendlich verantwortlich für den Tod von Kindern wie Lea? Die Schuldigen scheinen schnell ausgemacht zu sein: eine zu junge, überforderte Mutter; Jugendamtsmitarbeiter, die den Aufforderungen einer Nachbarin nicht nachkamen, die Familienverhältnisse im Hinblick auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu klären. Und obwohl das zuständige Jugendamt mittlerweile Versäumnisse und somit eine Mitverantwortung am Tod des Mädchens eingeräumt hat, kratzen die Erklärungsversuche nur an der Oberfläche eines tiefer liegenden Problems – in der Regel sind die Hintergründe dieser tragischen Fälle von Kindesvernachlässigungen komplexer und müssen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. weiter lesen…





